Marcel van Maele
Unser Grand Seigneur aus Antwerpen,
blinder Dichter und bildender Künstler:
Auch er ist nun sprachlos geworden und lässt uns betroffen zurück.

Erst vor wenigen Tagen erfuhren wir durch seine Lebensgefährtin Carine, dass Marcel - nicht lange nach Pavel Dvorak - schon im vorigen Sommer verstorben ist! Hier das Original der Traueranzeige aus Belgien:
Naamloos
Het is de zee die wenkt met groot gebaar
en op het strand haar ribben achterlaat.
Scholen vol woorden in de stroming opgenomen
drijven af en laten zich begaan.
De zee stemt gretig in
en slikt het laatste woord.
Goudvissen schudden hun schubben af
en liggen nu naakt in het zand. En de woorden
die langzaam ondergaan laten hun dromen varen,
worden van hun naam ontdaan.
Opgebaard in de schoot van de zee
ontaarden en verzanden.
Wat het betekent is het niet
wat het ontwijkt weet het niet.
Zand dat woorden droogt, vroeger weet je wel,
zand waarin de tijd verloopt.
Marcels Gedicht auf der Trauerkarte, wir haben es mit vielen weiteren seiner lyrischen Texte in unser Lesebuch aufgenommen, lautet auf Deutsch:
Namenlos
Es ist das Meer, das winkt mit großer Gebärde
und hinterlässt am Strand seine Rippen.
Schwärme von Wörtern, verschluckt von der Strömung
treiben fort und lassen sich gehen.
Das Meer stimmt eifrig zu
und schluckt das letzte Wort.
Goldfische schütteln die Schuppen ab
und liegen nun nackt im Sand. Und die Wörter,
die langsam untergehen, geben die Träume auf,
werden befreit von den Namen
Aufgebahrt in den Schoß des Meeres
entarten und versanden.
Was es bedeutet, ist es nicht
wovor es ausweicht, weiß es nicht
Sand, der Wörter trocknet, früher, weißt du noch,
Sand, in dem Zeit vergeht.
Hier soll noch einmal Gelegenheit sein, Marcels Stimme zu lauschen. So fällt es leichter, sich an seine beeindruckende Gestalt zu erinnern, diesen antiken Charakterkopf mit wallenden weißen Haaren.
Namenlos
Marcel hat uns dreimal die Freude gemacht, für das Lyrikbrücken-Projekt zu lesen: 1999 in Minden und Berlin (gemeinsam mit Pavel Dvorak und mir sowie Norbert Klein, spanische Gitarre), und 2000 in Duisburg, zum Festival "Akzente", in gleicher Besetzung, aber ohne Pavel.
Der Dichter ist mit unserem vierten Lyrikbrücken-Programm, auf dem Hörbuch IV: "Nachricht von Hand und Zunge" zu hören.
Als viele blinde Dichter zur Leipziger Buchmesse 2009 zusammen gekommen sind, um unser Lesebuch vorzustellen, war Marcel bereits krank und konnte nicht reisen. Patricia Sanders aus Utrecht hat daher neben ihren eigenen Versen auch Marcels Gedichte gelesen; so war er durch seine Lyrik dennoch mit dabei.
Marcels Lebensgefährtin schickte uns nicht nur die Traueranzeige, auch die Danksagung an seine Freunde, die ihn in Antwerpen als letzte begleitet haben:

Das Gedicht, das Marcel uns nachsendet, lautet auf Deutsch:
Weil ich wie ein Igel
ganz allein
am Rande der Autostrada
mit dem Leben spiele
oh dürre Kathedrale der Ohnmacht
hör zu,
wie gezahnte, gehörnte
und durchgegangene Worte
von den Dächern rollen.
Auf dem Foto hält Marcel ein Stück Papier in der Hand, darauf steht geschrieben:
Muss ich drücken oder ziehen?
Bist du drinnen oder draußen?
Schließlich stellt Marcel fest,
"dat men met volle handen
geen vlinders vangen kan" -
dass man mit vollen Händen
keinen Schmetterling fangen kann.
(Übersetzungen aus dem Flämischen: Gerhard Dalenoort, Zuidhoorn)
Der Gitarrist Norbert Klein und ich, auch viele Mindener Kogge-Autoren werden sich gut an Marcel van Maeles Persönlichkeit erinnern. Den anderen bleibt seine kluge, häufig verschlüsselte Dichtkunst. Er bekam da für viele Preise, aber das ist es nicht: seine Verse stellen uns immer wieder auch die Frage nach Drinnen und Draußen, nach dem Übergang, den wir noch vor uns haben. - Es gibt keine Antwort darauf. Auch der Tod von Marcel macht uns wieder staunen, macht uns betroffen und
Sprachlos
Das Erhoffte
das Wort
auf dem Zettel
im Hut
unter hunderten Zetteln
ergriffen
entrollt
und -
leer.
(Bernd Kebelmann, 1. März 2010)
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